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Der Venusmann. Roman

Fretz & Wasmuth, Scherz-Verlag, Bern, München, Wien 1997, 414 Seiten
Taschenbuchausgabe: Knaur, 2000

Ouvertüre

"Es ist ein Skandal! Dieser verzärtelte Eunuch tänzelte, anstelle das da Capo seiner Arie sofort wieder aufzunehmen, von der Bühne herab und gab einer jungen Frau, die in der ersten Reihe saß, einen Kuß auf die Lippen, sprang dann elegant wieder auf seinen Platz zurück und sang die Arie zu Ende. Die Signorina lachte so entzückt, als ob sie schon in seinen Armen liegen würde. Ich habe es selbst von der hintersten Reihe aus beobachtet."
Padre Ignatio war ein junger und eifriger Mönch, ein feuriger und unbestechlicher Kämpfer für Gott und die Kirche. Das schätzte der Generalinquisitor an ihm. Huldvoll legte er seine Hand auf Ignatios Kopf und lächelte:
"Nehmt es nicht so ernst, Padre. Ihr müßt lernen, daß der Mensch auch Unterhaltung und Freuden braucht."
"Aber nicht eine so schamlose Zurschaustellung von Lust," entgegnete Ignatio aufgebracht.
Der beleibte Generalinquisitor war mehr den Freuden des Lebens als der Strenge, die sein Amt forderte, zugetan und erinnerte sich mit Vergnügen daran, wie er selbst Bernacchis Kuß erlebt hatte: auf seinem Schoß saß die niedliche Sängerin Carelli, er wollte ihr gerade spaßeshalber und schon etwas vom Champagner berauscht ein Glas Wein in den reichlich großen Ausschnitt gießen, als es plötzlich um ihn herum still wurde, er schon Angst hatte, man würde auf ihn blicken, und erleichtert feststellte, daß das Publikum wie gebannt zur Bühne hinabschaute.

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