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| Orlando di Lasso Textprobe - Presse |
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| Orlando di Lasso. Ein Leben in der Renaissance. Musik zwischen Mittelalter und Neuzeit Leseprobe |
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| II. Eine Kindheit im 16. Jahrhundert oder die kulturelle Ferne zwischen damals und heute Die Kindheit Lassos liegt für uns im Dunkeln. Eine Kindheit im 16. Jahrhundert war grundsätzlich anders als in unserer Zeit. Das Europa jener Epoche ist uns fern. Wenn wir nach Analogien suchen, müssen wir beispielsweise in arabische Länder reisen. Dort haben noch Reste von jener alten Zeit überlebt, so argumentiert der Historiker Philippe Ariès in seiner «Geschichte der Kindheit». Ariès schreibt, daß ein Kind damals noch nicht als vollständige menschliche Persönlichkeit angesehen wurde, man sich noch nicht an die Kleinen gefühlsmäßig band, da sie wegen der hohen Kindersterblichkeit vom Tod wieder weggenommen werden konnten. «Sie sterben mir wie Säuglinge weg», war ein Sprichwort, und noch Molière schrieb im «Eingebildeten Kranken»: «Die Kleinen zählen nicht.» Montaigne, ein Zeitgenosse Lassos, berichtet, daß man den Kleinkindern weder Seelenregungen noch richtige Körperformen zuerkannte. Und wenn die ungetauften Kinder starben, dann begrub man sie, wie noch bis ins 19. Jahrhundert in der Bretagne üblich, unter der Türschwelle im Garten. Ariès fragt: Ist dies das Überleben alter Riten oder einfach dasselbe Verhalten, das wir gegenüber unseren Haustieren zeigen? War die Kleinkindperiode vorüber, wurde das Kind wie ein Erwachsener behandelt. Es gab damals eigentlich keine Kindheit. So wie es auch - und dies werden wir in Lassos Briefen noch deutlicher kennenlernen - kein Erwachsenensein in unserem heutigen Sinn gab. Die gesetzte Haltung, der Ernst, die Neugierlosigkeit, die Angst, unsere Gefühle zu zeigen, die Ansicht, daß dumme Späße aller Art für einen Erwachsenen würdelos seien, kurzum unsere Abgekühltheit fehlte den damaligen Menschen und insbesondere Lasso. Pieter Bruegel, der um 1525 geboren wurde, malte in seinen «Kinderspielen» (1560) die Kleinen wie Erwachsene. Die Mädchen tragen Röcke, Kleider, Schürzen und Hauben wie die Frauen, die Buben enganliegende Hosen, Jacken, Überröcke und Hüte wie die Männer. Erwachsene sind nicht abgebildet. Ein Größenmaßstab fehlt. Die Welt der Kleinen wurde nicht der der Großen gegenübergestellt. In Bruegels Bildern wirken die Menschen alle ein wenig leblos, dem Tode nahe. Bruegel sieht Körper und Gesicht sackartig und aufgedunsen. Ein innerer Halt fehlt. Der Körper wird nicht wie bei einem Menschen der italienischen Renaissancemaler von Muskeln und Sehnen kraftvoll beherrscht, sondern wirkt wie schlaffes Fleisch, das von außen in Bewegung gesetzt wird. In den Gesichtern öffnen sich Mund und Augen wie Löcher. Diese Menschendarstellung ist in den «Kinderspielen» nur noch krasser zu beobachten als sonst: gedrungene, durch die Sicht von oben stumpfe und breite Körper mit runden, kugelförmigen Gesichtern. Das Bild ist eine summarische Aufzählung von Kinderspielen: Man schaukelt mit Fässern, reitet auf Holzpferden, bläst Saupladern auf, treibt Räder mit Holzstöckchen an, formt Ziegelsteine und schichtet sie aufeinander, reitet auf dem Zaun, macht Handstände, läuft auf Stelzen, schwimmt nackt im Fluß, treibt den Kegel an, spielt Blindekuh, rauft und ficht miteinander, bildet eine Schlange, trägt den andern huckepack, versucht sich gegenseitig herunterzuwerfen und spielt Braut und Bräutigam. Die Anhäufung von verschiedenen Spielarten, die Dichte der Darstellung, dieser Realismus, der in die Tracht der Erwachsenen Kindkörper und -gesichter steckt, hat etwas Surreales an sich: die Kindheit als Parabel für die Welt überhaupt. Doch zurück zu Ariès! Die Kinder waren, wie Bruegel beobachtet, nicht nur wie Erwachsene gekleidet, sondern wurden, wenn sie das Säuglingsalter überwunden hatten, auch wie Erwachsene behandelt, sie nahmen am Leben teil, halfen bei der Arbeit und hörten auch die unsauberen Witze in der Wirtschaft. Sie machten selbst derartige Späße, denn erotische Scherze gehörten zum alltäglichen Leben. (Dies zeigen die Briefe Lassos in den späteren Jahren). Die Ansicht, daß Kinder die Unschuld in sexuellen Dingen verkörpern würden oder müßten, machte sich erst im 17. Jahrhundert breit. Damals freute man sich über die ersten sexuellen Regungen eines Knaben und unterhielt sich darüber mit den Kleinen in einer Art, die wir heute als anzüglich empfinden würden. Um dies heute noch erleben zu können, müssen wir unser heutiges Europa verlassen und beispielsweise nach Tunesien reisen. Der Roman des tunesischen Juden Albert Memmi «La Statue de sel» beschreibt eine Szene voll von anzüglichen Witzen zwischen einem Djerben, einem kleinen Mohammedanerjungen und dessen Vater. Diese Szene hätte ebenso im 16. Jahrhundert spielen können, wie Philippe Ariès nachgewiesen hat: Er hat aus den Archiven Berichte über analoge Späße mit dem kleinen Ludwig XIII. am französischen Hof ausgegraben. Über Lassos individuelle Kindheitserlebnisse wissen wir leider nichts. Wir kennen nicht einmal seine Eltern, denn das Leben einfacher Leute wird vom Dunkel der Geschichte eingehüllt. |
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