Der Mensch hinter dem Mythos

Die neue, bei Artemis & Winkler verlegte Händel-Biographie erzählt vom bisher verschwiegenen Privatleben des Komponisten und beschreibt ihn als ersten modernen Musikstar. Der Biograph Franzpeter Messmer portraitiert den großen Komponisten im Kontext seiner Zeit und deckt überraschende Zusammenhänge auf. Messmer, der auch historische Romane schreibt, versteht es spannend und unterhaltsam zu erzählen. Mit großem Erfolg bei der Kritik und den Lesern porträtierte er Orlando di Lasso und Richard Strauss.

Die Biographie Händels war eine besondere Herausforderung: Denn außer Anekdoten gibt es keine genaueren Quellen. Aus einem Puzzle von Andeutungen in Briefen und Berichten, von Indizien aus Händels Umgang mit Freunden und unter Berücksichtigung seines Umfelds setzte er ein neues Bild des Komponisten zusammen, das diesen als Mensch fassbar macht. Messmer beschreibt die Lebensstationen Händels, Halle, Hamburg, Florenz, Venedig, Rom und London, und schildert die Beziehungen zu Musikern wie Johann Mattheson oder Georg Friedrich Telemann, zu Dichtern wie Alexander Pope und John Gay oder zu Malern wie William Hogarth.
Händel brach aus dem engen Kirchen- und Hofdienst aus, strebte nach Unabhängigkeit und internationalem Ruhm. Er war nicht nur Virtuose und Komponist, sondern ebenso Unternehmer. Aufgrund seiner Popularität besaß er Einfluss und Macht. Seine Musik war zwar umstritten, aber stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Händel prägte seine Zeit, indem er sich mit seinen Werken für die Freiheit, Gefühle auszuleben, einsetzte. Er trat mit seiner Musik ein gegen Tyrannei und Machtstreben, für Frieden und sozialen Ausgleich. In seinem Beruf machte er keine Kompromisse. Schon seine erste Oper Almira behandelte ein brisantes Thema: Prinzessin Almira liebt ihren Sekretär, anstatt den ihr bestimmten Ehegatten. Dass eine Frau ihren Gefühlen folgte, war damals revolutionär. In der mit durchschlagendem Erfolg in Venedig aufgeführten Oper Agrippina zeigte Händel im Spiegelbild von Neros Rom die Dekadenz und Intrigen am Papsthof. Das brachte ihm den Beifall der deutschen Soldaten ein, die im Spanischen Erbfolgekrieg gegen Italien kämpften. Händels Musik weckte gemeinschaftliche, patriotische Gefühle.
Bis heute herrscht unter vielen Musikliebhabern die Ansicht, Händel widmete sein Leben allein der Musik. Doch diese Stilisierung des unverheiratet lebenden Junggesellen zu einem „Heiligen der Musik“, die seit der Romantik den Händel-Mythos bestimmt, entsprach keineswegs der Realität. Vielmehr zeigen neue Forschungen, dass Händel aller Wahrscheinlichkeit nach homosexuell war. Freilich, eindeutig beweisen lässt sich diese Hypothese nicht, da Händel selbst und seine späteren Biographen viele Spuren verwischt haben. Aus gutem Grund: Zu Händels Zeit war „Sodomie“, wie Homosexualität zu dieser Zeit genannt wurde, geächtet und konnte mit dem Tod bestraft werden. 
Der berühmte und gefeierte Musiker lebte in der Angst, dass seine Neigung zu Männern entdeckt wird. Er litt unter dem Verbot seiner sexuellen Bedürfnisse, und kompensierte diese mit übermäßigem Essen und Trinken sowie einem besessenen Schaffen als Komponist, Virtuose und Konzertunternehmer. Dass Händel am Schluss seines Lebens sein großes Vermögen einsetze, um verarmten Musikern zu helfen, und dass er durch Wohltätigkeitskonzerte riesige Summen für das Foundling Hospital, ein Heim für Findelkinder, einspielte, entsprach seinem Verständnis von Musik: Sie sollte nicht nur unterhalten, sondern auch zur Verbesserung der Welt beitragen.

Von italienischen Fürsten und Kardinälen hofiert
Als junger Virtuose entfloh Händel der protestantisch-pietistischen Enge seiner Heimatstadt Halle in die weltoffene Hafenstadt Hamburg. Dort erlebte er eine erste intensive Männerfreundschaft zu dem Opernsänger und späteren Musikschriftsteller Johann Mattheson. Sie endete dramatisch mit einem Duell zwischen den beiden, das fast zu Händels Tod führte. Dabei war beruflicher Ehrgeiz, aber auch Eifersucht im Spiel. Denn der junge Händel sah ausnehmend gut aus, wie ein Jugendporträt zeigt, und wurde von dem homosexuellen Medici-Prinzen Gian Gastone umworben. Händel folgte dessen Einladung nach Florenz. Allerdings bestand er darauf, die Reisekosten selbst zu tragen: Unabhängigkeit war für ihn ein wichtiges Gut.
Ziel seiner Italien-Reise war zunächst Venedig. Dort wurde er Liebhaber der Starsängerin Vittoria Tarquini. Sie war älter als er, die Mätresse von Gian Gastones Bruder Ferdinando, und verheiratet. Diese Liebe, die im Karneval von Venedig aufblühte und hinter Masken geheim gehalten wurde, war ein Skandal. Eine weitere Liebe Händels zu einer Frau ist nicht bekannt.
Dass er dem syphiliskranken Medici-Prinzen die Mätresse ausgespannt hatte, schadete ihm zwar in Florenz, doch in Rom wurde er mit offenen Armen empfangen. Seine Musik, voller Sinnlichkeit und Emotion, öffnete ihm die Tore der römischen Paläste. Er lebte als Gastkomponist im Palast des Fürsten Ruspoli und begeisterte nicht nur mit seinem Können die römischen Kardinäle. So schrieb Kardinal Pamphili über Händel ein schwärmerisches Gedicht mit deutlichen sexuellen Anspielungen.

Als Musikdiplomat in London
Aufgrund des Erfolgs der Agrippina in Venedig machte Herzog Georg Ludwig, Anwärter auf den englischen Thron, den populären protestantischen Komponisten zum Hofkapellmeister, obwohl er selbst weder Orchester noch Oper besaß. Vielmehr sollte Händel für den Thronaspiranten in London eine positive Stimmung herstellen. Dort komponierte Händel mit der Oper Rinaldo ein Erfolgsstück, das ihm die Türen zu den Palästen der Lords öffnete. Zurück in Hannover musste er dem Kurfürsten als Musikdiplomat über die Londoner Stimmungslage berichten.
Doch als Händel zum zweiten Mal nach London reiste, gab er sich dem Kurfürsten gegenüber unabhängig und umgab sich mit Intellektuellen, die dem deutschen Thronanwärter gegenüber kritisch eingestellt waren und den katholischen James Edward Stuart bevorzugten. Zu dieser Zeit komponierte Händel die Oper Silla, in deren Hauptcharakter, dem machtbesessenen und skrupellosen Diktator Sulla, man leicht die Züge Georgs erkennen konnte. Außerdem komponierte Händel das Utrechter Te Deum zum Friedensschluss des Spanischen Erbfolgekriegs, der gegen den Willen Georgs und der deutschen Herzöge von den Engländern diktiert wurde. So viel Eigensinn seines Hofkapellmeisters duldete Georg nicht und entließ ihn. Doch als Georg als englischer König nach London kam, musste er feststellen, dass er Händel benötigte, da dieser ihm durch seine Musik die Sympathien des englischen Adels verschaffen und in das englische Gesellschaftsleben einführen konnte. Erstmals erwies sich ein Komponist als so mächtig.

In den homoerotischen Kreisen englischer Intellektueller
In London wohnte Händel zeitweilig im Palast des jüngeren Lord Burlington, der ihn in den Kreis englischer Intellektueller einführte. Diese waren zwar weiblichen Eroberungen nicht abgeneigt, bevorzugten aber Männerfreundschaften nach den Mustern der Antike, die im neuen „Alexandrinischen Zeitalter“ zum Vorbild wurde. Frauen, so meinten damals viele Männer, brachten sie von ihren eigentlichen Zielen als Künstler, Literaten oder Architekten ab, weshalb in London damals eine große Abneigung gegen das Heiraten bestand. Händel verbrachte einige Jahre in enger Freundschaft mit Lord Burlington, mit den Dichtern Alexander Pope und John Gay und mit dem Arzt, Wissenschaftler und Schriftsteller John Arbuthnot. Die jungen Männer erfreuten sich an Musik und gutem Essen, pflegten aber auch eine gewisse Intimität: bei ihren Landaufenthalten in Chiswick „lagen sie beieinander“. Nur einer von ihnen, Lord Burlington, heiratete später. Allerdings gehörte zu seiner „Familie“ stets auch der Maler William Kent in einer Ménage à trois.

Freundschaften – und eine Partnerschaft fürs Leben
Der nach bürgerlicher Unabhängigkeit strebende Händel suchte eine Partnerschaft, in der sich Freundschaft und die Bewältigung der praktischen Dinge des Lebens miteinander verbanden. In Ansbach besuchte er seinen Studienfreund Johann Christoph Schmidt, der dort durch seine Heirat zu Geld gekommen war und einen Wollhandel betrieb. Als er Händel wiedersah, ließ er Hals über Kopf sein Geschäft, seine Frau und seine Kinder zurück und reiste mit ihm nach London. Dieser überraschende Schritt wurde mit Schmidts „Leidenschaft zur Musik“ begründet, doch war es wohl vielmehr die Leidenschaft für Händel. So begann eine lebenslange Partnerschaft. John Christopher Smith, wie Schmidt sich nun nannte, war bis zu Händels Tod dessen Sekretär, begleitete ihn bei seinen Reisen und regelte seine wirtschaftlichen Belange. Nach vier Jahren holte er seine Familie nach. Händel kümmerte sich um die Ausbildung von Smiths Sohn, der als Komponist und Dirigent hervortrat und nach Händels Tod dessen Oratorien aufführte.
Einige weitere enge Beziehungen Händels sind bekannt, die zu James Hunter, einem Färbermeister, zu dem Maler Joseph Goupy, zu seinem Librettodichter Charles Jennens, zu dem Schriftsteller James Harris und zu dem Parfümeur James Smyth. Händel, so schrieb der englische Musikhistoriker John Hawkins, entgalt seine Freunde „mit der Ehre seiner Bekanntschaft“, nicht mit Geld. Er scheute öffentliche Orte für Homosexuelle, etwa die Molly-Häuser, da er dort erkannt und als „Sodomist“ hätte gebrandmarkt werden können.  
Wie schon bei Mattheson waren Händels Freundschaften oft von einer gewissen Dramatik bestimmt. So stritt er mit Charles Jennens über das Libretto zum Messiah so heftig, dass er darüber krank wurde. Mit seinem Sekretär John Christopher Smith sprach er einmal wochenlang kein Wort mehr. Hässlich war die Auseinandersetzung mit dem Maler Goupy, der seinen Freund Händel als orgelspielendes Schwein, als einen „Eber der Musik“ zeichnete. Diese Karikatur war die Vorlage für zwei Flugblätter, welche Händels Feinde dazu verwendeten, ihn öffentlich zu brandmarken. Die Darstellung von Esssucht spielte nämlich auch auf Homosexualität an: denn „Sodomisten“ galten damals als Haltlose, die kein Maß kannten, auch nicht im Appetit.

Eine anspruchsvolle und zeitkritische Musik überfordert ihr Publikum
In seinen Opern, die Händel während seiner Glanzzeit komponierte, unterhielt er das adlige Publikum nicht nur, sondern führte ihm auch die Abgründe von Macht- und Gewinnstreben, von erotischer Verführung, von Herrschsucht und Unmenschlichkeit vor Augen.
Mit seiner anspruchsvollen Musik und seinen zeitkritischen Stoffen überforderte er das Unterhaltung suchende adlige Publikum, das die Virtuosität von Starsängern sowie deren Klatschgeschichten interessanter fand. Die unzufriedenen Adligen gründeten die Konkurrenzoper, „The Opera of the Nobility“, die mit dem Kastraten Farinelli als Zugpferd gegen Händels Oper einen Opernkrieg anzettelte. Dieser Krieg endete mit Händels gesundheitlichem Zusammenbruch und dem Verlust seines Vermögens. Doch der Komponist gab nicht auf: Er suchte und fand schließlich ein neues Publikum: das Bildungsbürgertum. Er wandte sich von der italienischen Oper ab zugunsten des englischsprachigen Oratorium. In den Oratorien klagte er auch die Korruption und Selbstsucht der herrschenden Klasse an, versteckt hinter der Maske biblischer Stoffe. Dabei wurde seine Musik zu einem wichtigen Instrument für die neue patriotische Bewegung. Einerseits war diese von nationalen Ideen geprägt, andererseits aber forderte sie, dass die Herrschenden, allen voran der König, das Gemeinwohl über das eigene Wohl stellen müssen. In seiner Musik legte Händel den Schwerpunkt nun nicht mehr auf die Solisten, sondern auf den Chor, der das Volk repräsentiert.

Leiden am eigenen Körper
Im Alter wurde Händel als misstrauisch, schrullig und bisweilen geistig verwirrt beschrieben. Der mittlerweile beleibte Komponist war in allem maßlos: im Essen, Trinken und in seiner Arbeit. Das überforderte seine Kräfte: Am Ende des „Opernkrieges“, der ihn fast ruinierte, brach Händel gesundheitlich zusammen. Sein Arm war gelähmt, so dass er nicht mehr Orgel spielen konnte.
Doch erstaunlicherweise wurde er wieder gesund und war danach ein anderer Mensch. Der streitbare und oft diktatorisch die Orchestermusiker und Sänger beherrschende Komponist wandelte sich zum Wohltäter: In seinem Testament bedachte er seine Freunde mit hohen Geldbeträgen und verzieh auch jenen, mit denen er gestritten hatte – Goupy ausgenommen.
Händel fühlte sich als Homosexueller sein Leben lang verfolgt und innerlich zerrissen. Denn als gläubiger Christ, der er war, musste er seine Neigung zu Männern als sündhaft empfinden. Indem er am Schluss seines Lebens sein Vermögen dazu einsetzte, um die Kinder der Armen und Verachteten zu unterstützen, versuchte er auch, mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Auf dem Weg zur Kunstreligion und zum vom Mäzenatentum unabhängigen Künstler
Mit Messiah komponierte Händel ein geistliches Oratorium für das weltliche Theater, was damals höchst umstritten war. Doch indem Händel geistliche Musik ins Theater holte, verschaffte er der Musik eine neue Bedeutung: Musik wurde wie in der Kirche still und andächtig gehört, nicht mehr – wie in der Oper – als reine Unterhaltung. Damit leitete Händel einen neuen Umgang mit Kunst ein: Sie wurde nun so ernst und so bedeutungsvoll wie Religion aufgefasst. Damit begründete er die romantische Idee der „Kunstreligion“. Händel war aber auch der erste Komponist, der sich von adligen Mäzenen unabhängig machen konnte und von einem öffentlichen Publikum getragen wurde. Dabei war sein wirtschaftlicher Erfolg außerordentlich. Die jährlichen Einnahmen aus seinen Oratorien waren immens hoch – den Vergleich mit heutigen Musicalkomponisten wie Andrew Lloyd Webber braucht Händel nicht zu scheuen. Durch ihn wurde die Kunst erstmals zu einer eigenständigen Macht, die in der Lage war, Gesellschaft, Politik und Religion zu beeinflussen und zu prägen.

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